GESCHICHTE 12.1Deutschland um 1970 30 Minuten

Quellenwerkstatt · Doppelstunde 3

Wohlstand im Alltag

Leitfrage: Was verrät die zunehmende Kühlschrankausstattung über Wohlstand in Bundesrepublik und DDR um 1970?

Beobachten. Belegen. Einordnen.

Eigene Antworten auf Papier.
01

Vom Bild zur eigenen Vermutung

Unser Maßstab: Konsumausstattung ist ein Teil von Wohlstand. Einkommen, Wohnen, Arbeit und soziale Absicherung gehören ebenfalls dazu. Arbeit und soziale Absicherung werden in der übrigen Doppelstunde untersucht.
02

M1 · Zwei amtliche Statistiken

Wie verbreitet waren Kühlschränke?

Messgröße: Anteil der jeweils erfassten Haushalte, in denen ein Kühlschrank vorhanden ist. 100 % würde bedeuten: in jedem dieser Haushalte.

Bundesrepublik

Januar 1969

84%

der erfassten Haushalte mit Kühlschrank

Entwicklung: 1962: 52 % → Januar 1969: 84 %

Wer wurde erfasst?

EVS-Angabe: ohne Haushalte von Ausländern und ohne Privathaushalte in Anstalten; 1969 außerdem ohne Haushalte ab 10.000 DM monatlichem Haushaltsnettoeinkommen. Publiziert 1974.

M1 · WiSta 7/1974, S. 480, Tab. 4

DDR

1970

56,4%

der erfassten Haushalte mit Kühlschrank

Entwicklung: 1965: 25,9 % → 1970: 56,4 %

Wer wurde erfasst?

„Ausstattungsgrad“: Haushalte mit dem betreffenden Gut je 100 Haushalte (Fußnote 1). Rückblickende amtliche Angabe, publiziert 1989. Auf dieser Seite kein genauer Stichtag für Kühlschränke genannt.

M1 · Jahrbuch DDR 1989, S. 291, obere Tabelle

Beim Vergleich beachten: verschiedene Bezugszeiten und unterschiedlich erfasste Haushalte. Was erschwert hier einen genauen Vergleich?

Belegstichworte · M1

Finde eine Gemeinsamkeit der ausgewiesenen Entwicklung und einen Unterschied der Ausstattung um 1970. Notiere passende Zahlen und Jahre. Ergänze eine mögliche Bedeutung dieser Entwicklung für den Alltag.

Hilfe: Vom Zahlenwert zur Deutung

Trenne drei Schritte: „Die Statistik weist … aus.“ → „Das konnte im Alltag … ermöglichen.“ → „Über … sagt der Wert allein nichts aus.“ Du darfst eine Möglichkeit deuten; eine tatsächlich gemessene Zeitersparnis ist hier nicht belegt.

Die Reihen umfassen unterschiedlich lange Zeiträume und erfassen Haushalte unterschiedlich. Deshalb lassen sich weder Wachstumsgeschwindigkeiten noch ein exakter Wohlstandsabstand daraus ablesen.

Kurzer Selbstcheck · nach deinen Belegstichworten

Daten richtig gelesen?

Die ausgewiesenen Haushaltsanteile zeigen: Kühlschränke waren in den erfassten westdeutschen Haushalten Anfang 1969 weiter verbreitet als in den erfassten DDR-Haushalten 1970.

Prüfe die Aussage mit M1. Entscheide und wähle den passenden Beleg.

1. Die Aussage ist mit diesem Material …
2. Darauf stütze ich meine Entscheidung:
03

M2 · Interner Bericht, DDR, 3. September 1970

Was erfährt man über die Versorgung?

Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sammelte Informationen zur Versorgung. Der Bericht war intern verteilt; eine externe Verteilung ist nicht nachgewiesen.

Kontext – eigene Zusammenfassung: Der Bericht beschreibt ein erweitertes Warenangebot und zugleich Versorgungsschwierigkeiten. Er gibt Beobachtungen und Äußerungen aus der Perspektive des MfS wieder.

Originalwortlaut · ein SatzInformation zur Versorgung
1

Trotz Erfüllung der staatlichen Planaufgaben treten insbesondere bei Industriewaren erhebliche Sortimentslücken in Erscheinung.

MfS, 3.9.1970. Ein vollständiger Satz aus einem längeren Bericht, unverändert; eigene Zeilennummer. Vollständiger Nachweis M2

Belegstichworte · M2

Was macht den internen MfS-Bericht für unsere Untersuchung aufschlussreich, und wofür reicht gerade diese Quelle nicht aus? Nutze den Satz und seinen Quellenkopf. Zwei kurze Stichworte genügen.

Hilfe: Begriffe und Quellenperspektive
Planerfüllung
Vorgegebene Produktions- oder Wirtschaftsziele werden erreicht.
Sortimentslücken
Bestimmte Waren oder Ausführungen fehlen im Angebot.
Fragen an die Quelle
Für wen entstand der Bericht? Was wird hier ausgewählt und berichtet? Auf welcher Grundlage ließe sich eine Aussage über alle Haushalte treffen?

Begründung prüfen · eigener Versuch zuerst

Was trägt der Beleg?

Zwei Behauptungen über die Versorgung

  • A: Erfüllte Planaufgaben schlossen Lücken im Warenangebot aus.
  • B: Kühlschränke waren 1970 in der DDR generell nicht erhältlich.

Begründe beide Zuordnungen zuerst in eigenen Stichworten. Vergleiche erst dann mit der Auswahl: Was widerspricht M2, was bleibt offen?

1. Welche Zuordnung trägt der Bericht?
2. Welche Begründung passt dazu?
04

Vom Befund zum begründeten Urteil

Was trägt dein Vergleich?

4 Min. · allein

1. Verbinde deine Belege

Beantworte die Leitfrage mit deinen Stichworten. Etwa 50–70 Wörter sind eine Orientierung. Lasse Platz zwischen den Zeilen für spätere Ergänzungen.

6 Min. · gemeinsam

2. Prüft Begründungen

Prüft zwei Aussagen aus euren Antworten am Material. Klärt dabei die beiden Fragen unten.

5 Min. · allein

3. Präzisiere deine Antwort

Überarbeite denselben Text mit Ergänzungen oder Streichungen. Markiere die wichtigste Änderung und begründe sie mit einem Beleg. Auch eine begründete Bestätigung deines Anfangssatzes zählt.

Unsere Fragen für die Klärung

  1. M1 + M2: Warum widerspricht der Bericht über Sortimentslücken der zunehmenden Kühlschrankausstattung nicht? Was erfassen die Materialien jeweils?
  2. Zurück zu B1: Welcher Teil des Werbeversprechens lässt sich mit unseren Materialien prüfen – und welcher bleibt offen?

Prüfe den passenden Wert oder das relevante Wort in deinen Notizen.

Drei Bausteine für deine Antwort

  1. Befund: gemeinsame Entwicklung und unterschiedliche ausgewiesene Ausstattung, mit passenden Zahlen, Jahren und Haushaltsanteilen.
  2. Bedeutung: eine begründete Deutung der möglichen Alltagsbedeutung dieser Entwicklung.
  3. Reichweite: erkläre, wie zunehmende Ausstattung und die im MfS-Bericht gemeldeten Angebotslücken zusammenpassen. Grenze ab, was damit über Kühlschrankversorgung belegt ist.
Hilfe für die Überarbeitung

„Ich habe … präzisiert / bestätigt, weil M… …“ Sage konkret, welchen Beleg du jetzt besser nutzt. Du musst eine schon richtige Aussage nicht künstlich verwerfen.

Nach der Kernantwort · freiwilliger Bildtransfer: Kühlschrank „Kristall 140“

B2 · Pressefotografie · DDR, 14. Februar 1964

Was zeigt ein Foto – und was bleibt offen?

Schwarzweißfoto: Ein Mann hält das Innengehäuse eines Kühlschranks. Daneben stehen ein geöffneter Kühlschrank und ein weiterer Einsatz; im Hintergrund sind Geräte und Arbeitsplätze zu sehen.
VEB Scharfenstein, Kühlschrankproduktion. Friedrich Gahlbeck, ADN-Zentralbild; 14.2.1964 laut Originalbeschriftung. Bundesarchiv, Bild 183-C0214-0003-001 / Gahlbeck, Friedrich / CC-BY-SA 3.0. Original und Quellenkopf · Lizenz CC BY-SA 3.0 DE. Bild unverändert übernommen, proportional verkleinert.

Kontext – eigene Zusammenfassung der damaligen Bildbeschriftung: Ein Ingenieur führt Bauteile des Modells Kristall 140 vor. Die Meldung stellt die Kunststoffverwendung als technische Verbesserung dar. Sie ist eine Pressepräsentation, keine Erhebung des Konsumalltags.

Dein Auftrag: Beschreibe zwei sichtbare Details. Formuliere einen Befund, den Foto und Quellenkopf tragen, und eine Frage zur Versorgung 1969/70, die damit offenbleibt.

Hilfe zur Aussagegrenze

Trenne das sichtbare Objekt, die Aussage des Pressetextes und die Verhältnisse in Haushalten. „Das Foto von 1964 zeigt …; ob … im Jahr 1970 …, lässt sich daraus nicht bestimmen.“

Dieses Foto von 1964 und das Werbeplakat aus den 1950er-Jahren zeigen unterschiedliche Präsentationen von Kühlschränken. Sie bilden keinen gleichzeitigen West-Ost-Vergleich. Bearbeite bei verbleibender Zeit diesen Bildtransfer oder den Pkw-Transfer.

Nach der Kernantwort · freiwilliger Transfer: Pkw

Die gleichen Tabellen weisen für Pkw 44 % der westdeutschen Haushalte (Januar 1969) und 15,6 % der DDR-Haushalte (1970) aus. Für die DDR sind angemeldete Fahrzeuge maßgeblich, Stand 30. September; gewerblich und von Verwaltungen genutzte Fahrzeuge sind ausgeschlossen.

Neue Frage: Beweist der niedrigere Anteil eindeutig geringere Kaufkraft? Nenne einen zusätzlichen Beleg, den du für diese Erklärung benötigen würdest.

Quellen und Bearbeitung

Vollständige Nachweise und Bearbeitung öffnen
M1 · Bundesrepublik

Manfred Euler: Die Ausstattung privater Haushalte mit ausgewählten langlebigen Gebrauchsgütern im Januar 1973.

Wirtschaft und Statistik 7/1974, S. 476–481, hier S. 480, Tabelle 4, Spalten 1962 und 1969.

Originaltabelle öffnen (PDF)
M1 · DDR

Staatliche Zentralverwaltung für Statistik: Statistisches Jahrbuch der DDR 1989.

Gedruckte S. 291 (PDF-Seite 342), obere Tabelle „Ausstattung der Haushalte mit langlebigen technischen Konsumgütern“, Block Ausstattungsgrad, Fußnote 1; Spalten 1965 und 1970. Digitalisat: Statistische Bibliothek der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder.

Originaltabelle öffnen (Gesamt-PDF, ca. 150 MB)

Bibliotheksnachweis und Downloadzugang

B1 · Werbeplakat

Liebherr-Kühlschränke.

Bundesrepublik, 1950er-Jahre; genaues Jahr nicht belegt. Urheber laut Katalog: Liebherr Hausgeräte Deutschland GmbH. Stiftung Haus der Geschichte, EB-Nr. 1988/4/269.178. Als Bildzitat zur eigenen historischen Analyse gemäß § 51 UrhG eingebettet; keine freie Lizenz. Individuelle Gestaltung im Katalog nicht benannt. Inhaltlich unverändert, proportional skaliert.

Werbeplakat bei LeMO öffnen
B2 · Pressefotografie

VEB Scharfenstein, Kühlschrankproduktion.

Friedrich Gahlbeck, ADN-Zentralbild, 14.2.1964 laut Originalbeschriftung. Bundesarchiv, Bild 183-C0214-0003-001 / Gahlbeck, Friedrich / CC-BY-SA 3.0. Bild unverändert eingebettet; nur proportional skaliert. Vollständiger Bildnachweis und Lizenz am Foto.

Bilddatei, Metadaten und Lizenz öffnen
M2

MfS: Information über einige Probleme der Versorgung der Bevölkerung.

3. September 1970, K 1/16. BArch, MfS, ZAIG 4991, Bl. 1–16 (4. Expl.). Online-Edition „Die DDR im Blick der Stasi“; Abschnitt zur Versorgung mit Industriewaren.

Bericht in der wissenschaftlichen Edition öffnen

Abruf und Prüfung: 14.9.2026. Zahlen in eigener Auswahl und Gestaltung; die ursprünglichen Tabellen werden nicht als Faksimile wiedergegeben. M2 ist ein kurzer Textbeleg für die Quellenanalyse. Eigene Einordnungen sind als solche gekennzeichnet. Externe Nachweise öffnen erst nach deinem Klick eine andere Seite.

Lizenz und Weiterverwendung

Wohlstand im Alltag © 2026 von Jan Hartwig steht hinsichtlich der eigenen Inhalte unter der Lizenz CC BY 4.0.

Die Lizenz gilt für die eigenen Texte, Aufgaben, Erläuterungen und Darstellungen. Weitergabe und Bearbeitung sind auch kommerziell erlaubt: Jan Hartwig und die Quelle nennen, die Lizenz verlinken und Änderungen kennzeichnen.

Ausgenommen: historische Originalquellen, Fremdinhalte, Logos und Marken. B1 (Liebherr-Plakat) ist ein Bildzitat ohne freie Lizenz; seine Weiterverwendung benötigt eine eigene Rechtsgrundlage. B2 (Bundesarchiv-Foto) bleibt unter CC BY-SA 3.0 DE. M2 (MfS-Originalwortlaut) und die verlinkten Originalpublikationen werden nicht mitlizenziert. Die jeweiligen Quellennachweise gelten weiterhin.